Andreas Ogger
SKIKE TrainingsCenter Stuttgart
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1. Wenn die Stöcke Sicherheit verleihen
2. Wen es mit den Stöcken vorwärts drängt: Stockstich zu weit vorne
3. Schwankende Roboter:
Der Stock als Stütze
5. Wenn die Länge impotent macht:
Der Unfug mit Längenformeln
6. Es rutscht, aber sticht nicht
7. ...und weg ist die Stockspitze:
Das Kreuz mit abgebrochenen Spitzen
8. Ohne Pardon und Pause:
Mit eisernem Griff am Stock
1. Ohne Federung stürzt man schnell:
Die Beugung in den Gelenken
2. Wie das erste Mal auf Schlittschuhen:
Der Knick nach innen
3. Mit Entenschritten über die Piste:
Der mangelnde Beinschluss
4. Ein Übel nicht nur von Inliner-Fahrern:
...und hoch das Bein!
5. Stöckelschritt heißt kurzes Gleiten
Kennst du den Unterschied zwischen einem Pianisten und einem Klavierspieler?
Bei einem Pianisten ist das Instrument Teil seines Körpers, mit dem er so traumwandlerisch sicher umgeht wie mit seiner Zahnbürste. Alles dient dem einen Ziel: Dem Ausdruck der Musik den größtmöglichen Raum zu verschaffen.
Was macht der Klavierspieler? Nun ja - im Vergleich zum Pianisten produziert er mittels Tasten und Saiten Klänge, die an Klaviertöne erinnern.
Genauso ist es mit Skikern und Stöcklern:
Für einen Skiker sind die Rollen unter den Füßen ein Instrument, um einer wunderbaren Erfahrung den größtmöglichen Raum zu verschaffen - schwerelos leicht, traumwandlerisch sicher und berauschend schnell dahinzugleiten.
Was macht ein Stöckler? Im Vergleich zu einem Skiker legt er eine Strecke von A nach B zurück, stöckelt im gröbsten Fall lebensgefährlich vor sich hin oder schiebt sich im besseren Fall solide und passionslos voran.
Die schlechte Nachricht: Niemand kommt als Skiker auf die Welt. Jeder muss sich das Niveau erarbeiten, das einen Skiker ausmacht. Die gute Nachricht ist: Der Werdegang hin zu einem Skiker ist lange nicht so zeitaufwändig und beschwerlich wie der eines Pianisten. Was es braucht ist zuerst das richtige Wissen und später die Übung, das Wissen zu einer Erfahrung zu machen, um es im wahrsten Sinne zu er-fahren. Dieses Wissen besteht aus zwei Anteilen:
Hier spreche ich von der Eroberung eines gut verwurzelten Stands auf Skikes; von der Einübung präziser, rhythmischer Lauftechniken; von einer automatisierten und effektiven Bremstechnik; von dem sicheren Umgang mit den Stöcken im Sinne einer Asphalt und Schotter angepassten Stockeinsatztechnik, kurz: von vielem und noch lange nicht allem, was in qualifizierten Einsteiger- und Aufbaukursen erklärt, gezeigt, geübt und korrigiert wird.
Darum kann es an dieser Stelle nicht gehen, denn dafür ist die lebendige Er-Fahr-ung in einem Kurs mit einigen Übungskilometern im Anschluss nötig. Als Anschauungsmaterial und Motivationshilfe können wenigstens die Aufnahmen zweier hervorragender Skiker dienen, von Lucas Vonlanthen und von meinem Schweizer Trainerkollegen Stephan Steger.
Ich möchte mich hier vielmehr dem zweiten Anteil des Wissens annähern, das ein Skiker hat und das einem Stöckler teils oder komplett abgeht, nämlich:
Der richtige Stockeinsatz ist eine Welt für sich; in ihr kann man sich in einen Temporausch hineinfahren oder aber sein Leben riskieren, wie es einem Skikefahrer in Tübingen widerfahren ist. Die folgenden charakteristischen Unausgewogenheiten im Stockeinsatz und im Umgang mit Skikes unter den Füßen sind hierarchisch geordnet: von fatal, weil gefährlich, über hemmend und störend bis harmlos und unschön.
Einen Stöckler erkennt man - wie der Name schon sagt - am schnellsten am Umgang mit den Stöcken:
Ein guter und sicherer Stand beginnt in den Füßen und endet auch dort. Da die Stöcke ausschließlich dazu da sind, um Tempo zu machen, stellen sie als missbrauchtes Hilfsmittel zum Balancieren und - noch schlimmer - zum Bremsen eine echte Gefahr da. In einem guten Einsteigerkurs wird deshalb mindestens die Hälfte der Zeit ohne Stöcke gefahren, um Sicherheit dort zu erlangen, wo sie auch zu finden ist: Auf Skikes.

Ausnahmslos jeder Skikefahrer ohne vernünftige Einweisung sticht die Stöcke dort ein, wo sie am meisten Vortrieb versprechen - möglichst weit vor sich. Kräftig nach vorne gebeugt wird dann die breite Rückenmuskulatur angespannt, um sich über die Stöcke zu wuchten wie Rennfahrer auf Skiern, die sich aus dem Starthäuschen katapultieren. Viele der schlimmsten Unfälle haben hier ihre Ursache: Das Einfädeln eines Stockes zwischen die Beine, indem beim Ausstemmen ein Skike an dem zu weit vorne stehenden Stock außen vorbei fährt; ein Sturz bei höherem Tempo wird unvermeidlich.
Ein Skiker sticht ohne jede Gedankenanstrengung die Stöcke nie vor die Vorderräder ein (außer bei speziellen Techniken am Berg, bei denen ein Überfahren des Stockes aber auch nicht möglich ist bei korrekter Anwendung), weil der richtige Einstichpunkt schon beim Halten des Stockgriffs beginnt.

Wer die Stöcke dazu benützt, um einen unsicheren Stand auszugleichen, muss sie zu beiden Seiten des Körpers weit von sich weg halten, um entsprechende Gegenstützen aufzubauen. Dieses Bild - der Mensch mit weit waagrecht ausgestreckten Stockarmen schwankend-wuchtig in den Boden hackend - erinnert mich oft an ein Roboterungetüm, das sich nur ungelenk mechanisch aufrecht halten kann.
Anders beim Skiker: Auf den Rollen geschmeidig ausbalanciert kann er sich darauf konzentrieren, die Stöcke in freier Wahl dort einzustechen, wo sie ökonomisch Tempo machen: Möglichst nahe am Körper. Dazu gehört eine Menge Wissen und Übung, die schon beim Stockgriff beginnt; ansonsten drohen Stolperattacken.
Der präzise, fließende Rhythmus ist das Erste, was an einem guten Skiker beeindruckt; dabei ist nicht nötig zu wissen, dass vorrangig das rhythmische Element für das souveräne Gesamtbild verantwortlich ist. Im Zusammenspiel zwischen Stockeinsatz und Lauftechnik fallen Verwirrung und Chaos gleichfalls als erstes auf, wobei hier sogar Skike-Laien wissen, dass der Mangel an Rhythmus dem Skikefahrer noch viel Luft nach oben in seinem Können zulässt.
Beim Skiken schafft Präzision rhythmische Klarheit: Je nach Lauftechnik ist auf den Bruchteil einer Sekunde klar, wann der Stockstich und -schub im Zusammenklang mit der Ausstemmphase erfolgt. Das klingt komplizierter als es ist, wovon Teilnehmer eines Einsteigerkurses zu berichten wissen: Wenn die Ordnungskraft rhythmischer Abläufe von den ersten Übungen an mit einbezogen wird, lernt es sich um ein Vielfaches leichter - und schon nach kurzer Zeit lässt ein Skike-Einsteiger die Stöcklerebene hinter sich.

Wer seine Muskeln beim Einsatz der Stöcke umfassend trainieren will, ist mit Stocklängen bis zum Ohrläppchen falsch bedient. Von 100 Stöcklern fahren 99 mit zu langen Stöcken. Das sieht stöckelig-lächerlich aus (YouTube sei Dank, hier gibt es Beispiele genug) und verhindert eine ökonomische Schubtechnik. Skiker haben nun einmal keinen Schnee unter dem Hintern wie Langläufer! Also weg mit den irrsinnigen Stocklängen, die einer Magdalena Neuner förderlich sind, einen Skiker aber zu grotesken, Kraft verschwendenden Bewegungsabläufen zwingt.
Die richtige Stocktechnik vorausgesetzt ist die Länge des Stockes vor allem auf die Kraft und Kondition des jeweiligen Skikers einzustellen; zudem sind die Gegebenheiten des Geländes ein Längenfaktor: Es ist naheliegend, die Stöcke in den Alpen kürzer einzustellen als im Flachland. Formeln zur Stocklänge sind also wenig dienlich! Sie ist wie vieles andere beim Skiken eine Frage der Individualität.
Wie viel Hoffnung setzen Stöckler in die Stöcke, um auf Touren zu kommen - und wie enttäuscht sind sie, wenn sie auf glatterem Untergrund ständig wegrutschen. Ein wunderbarer Test ist eine Fahrt im Parkhaus, in dem meistens ein harter, glatt gegossener Beton zu finden ist. Die Skikes rollen wie auf Eis, aber die Stöcke verlieren ihren Halt gebenden Einstich.
Spätestens dann wird klar, dass wir es nicht mit Schnee zu tun haben, auf dem selbst stark gekippte Stöcke Schubkraft erlauben. Warum aber rutscht ein Skiker selbst auf Parkhausböden nie weg? An einer gekonnten Stockeinsatztechnik und der richtigen Dosierung liegt´s; an beides wird sich ein ambitionierter Skikesportler früher oder später herantasten, doch wenigstens gefährdet er auf dem Weg dorthin nur seine Tempowünsche und nicht sich selbst.
Ein Anfänger auf Skikes wird sich weit öfter mit einem Heißluftfön zum Wechsel einer Stockspitze beschäftigen als ein Könner. Zu oft wird der Stock als Stütze gebraucht, und das vor allem in Schrecksituationen, in denen die Dosierung des Einstichs keine Rolle mehr spielt. Die Folge sind abgebrochene Spitzen.
Ein anderes Symptom für den unbewusst rabiaten Einsatz der Stöcke: Ein Stöckler ist viel früher zu hören als zu sehen, wenn die Stöcke mehr als Rammböcke gebraucht werden, um der eigenen Unsicherheit und dem störrischen Asphalt Herr zu werden.

Ein Stöckler hält seinen Stock fest und lässt ihn nicht mehr los; dadurch sausen nach einem Stockschub die Spitzen oft senkrecht in den Himmel.
Das wiederum ist dem Rhythmus wenig förderlich, weil es seine Zeit braucht, bis die Stöcke wieder einstechbereit sind.
Hier wird vergessen, wie wichtig die Öffnungsphase der Hand ist in der Phase, in der die Stöcke waagrecht nach hinten geworfen werden.
Ein Stöckler kommt meistens recht steif daher, sind doch alle Muskeln übermäßig angespannt angesichts der Unsicherheit auf ungewohntem Gerät. Steif bedeutet aber auch sturzanfällig, denn selbst kleine Irritationen wie ein Steinchen auf dem Weg gefährden die Balance. Nur ein gebeugtes Gelenk federt Stöße und Unebenheiten ab; bei einem gestreckten Gelenk schlägt der Stoß durch bis zum nächsten Gelenk. Ist nun der ganze Körper steif, kommt alles ins Wackeln und Schwanken.
In erster Linie müssen für einen sicheren Stand Oberschenkelmuskeln her - erst dann ist eine dauerhafte Beugung im Sprung,- Knie- und Hüftgelenk möglich. Erfreulich ist, dass gerade diese zentrale Muskelgruppe beim Skiken schnell an Kraft und Kondition gewinnt.

Wie steht als Kind das erste Mal auf Schlittschuhen? Meistens tief im Sprunggelenk nach innen eingeknickt, um einen Sturz zur Seite hin auf alle Fälle zu vermeiden. Zwar ruht der Schwerpunkt des Körpers damit mittig auf der Hüfte, aber ein eleganter Vorwärtsschritt ist nicht mehr möglich.
Sportliches Gleiten, sei es auf Kufen oder Rollen, erfordert den Mut, mit jedem Schritt sein Körpergewicht auf einen Fuß zu verlagern. Dieses letztlich ständige Balancieren macht Skikebeginnern zu schaffen und nach drei Kurstunden sattsam müde. Damit dieser tausendfache Balanceakt während einer Tour irgendwann leicht und locker von den Füßen geht, ist ein gerader, stabiler Stand auf den Skikereifen nötig. Bei Profis ist sogar zu beobachten, dass sie während der Ausstemmphase auch auf der Außenkante des Reifens stehen - was ein wahres Geheimrezept für einen guten Stand ist.
Durch die Beine eines Stöcklers bläst in jeder Phase der Lauftechnik der Wind durch. Das ist zu Beginn verständlich, denn abgesehen vom Einknicken wie eben beschrieben bezieht unser Gleichgewichtssinn viel Sicherheit aus einem breiten Stand auf Skikes. Kommen nun noch kleine Geh- oder Gleitversuche dazu, schwankt und watschelt ein Stöckler wie gut gefütterte Enten über den Asphalt.
Das zentrale Element einer sicheren, ruhigen und eleganten Fahrkultur auf Skikes ist der enge Beinschluss, d. h. der maximale Zusammenschluss der Skikes vor dem nächsten Schritt. In meinen Kursen zielt die allererste Übung schon darauf ab, nicht nur sicher, sondern auch geschlossen auf Skikes zu stehen, um einer langen Gleitphase von Beginn an guten Boden zu verschaffen.
Angenehmer Nebeneffekt bei einem engen Beinschluss: Einknicken wie in Punkt 2 beschrieben ist nicht mehr möglich.

Von unsicheren Inlinern auf sichere Skikes steigen viele um, die vom schwerelosen Gleiten auf Rollen begeistert sind. Eine echte Erblast ehemaliger Inliner-Fahrer ist auf Skikes allerdings das Hochziehen der Füße nach einem Stemmschritt: Mit Skikes unten dran sieht das nicht nur klobig aus, sondern verhindert meist einen guten Beinschluss sowie einen geschmeidigen Fahrrhythmus.
Es gibt nur einen winzigen Teil von Inlinern, bei denen ich das auf Skikes nicht gesehen habe - und das waren überwiegend Tangotänzer! Das flache Heranziehen des Fußes, Ferse immer am Boden, in einen perfekten Beinschluss (der Teil einer guten Tangotechnik ist) ist unverzichtbarer Part beim Tangotanzen.
Die Summe aller oben genannten Punkte macht eins natürlich unmöglich: Lange Gleitphasen auf einem Skike, die selbst breite Wege durchziehen und dem Gefühl Raum geben, für das es sich zu skiken lohnt - Leichtigkeit.
Wer steif in gestreckter Haltung steht, die Beine nicht schließt und nach innen knickt, muss nach jedem kümmerlichen Ausstemmversuch alsbald wieder auf den anderen Fuß wechseln, wenn sein Körperschwerpunkt in der scheinbar sicheren Mitte bleiben soll. Das beginnt irgendwann jeden Stöckler zu nerven und ist damit beste Motivation, um sich nach besseren Skiketechniken umzuschauen. Das sind die Menschen, die es drei Monate allein auf Skikes versucht haben und dann einen Kurs besuchen.
Die Wirklichkeit ist leider anders: Wer über stöckelndes Niveau nicht hinauskommt, denkt häufig, der fehlende Spaß hätte etwas mit dem Sportgerät zu tun - und gibt das Skiken auf. Welch Irrtum! Ich finde das sehr traurig, denn der nächste Schritt auf dem Weg zu einem souveränen Skiker ist immer, auf jeder Könnensstufe, ein kleiner.
Wenn ich mit diesem Kapitel der häufigen Fahrfehler auf Skikes auch nur einen stöckelnden Skike-Interessierten davon abgehalten habe, die Skikes in den Keller oder in eBay einzustellen, dann hat sich meine Arbeit gelohnt.
Jeder Skiker hat irgendwann als Stöckler angefangen. Mein Begriff „Stöckler" ist deshalb in jedem Zusammenhang liebevoll gemeint, steckt in ihm doch das unsicher Ungelenke, wirr Unrhythmische und ängstlich Kleinschrittige, das einem Beginner auf Skikes eigen ist.
Und doch ist all dies auch die Grundlage, auf der mit guter Einweisung und steter Übung der große, souveräne Bogen zum Skiker gespannt werden kann. Zu jedem Zeitpunkt auf diesem Weg ist es hilfreich zu wissen, wie es nicht geht, denn das Falsche zu erkennen ist leichter als das Richtige: Das Falsche macht sich irgendwann als Störung bemerkbar.
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